Psyche


Die Psyche oder die Seele wird in erster Linie von ihrem Inhaber wahrgenommen, und zwar durch Introspektion ("Innenschau"), wenn er denkt, sich freut oder traurig ist, auf etwas hofft oder sich über etwas ärgert, eine Absicht fasst und etwas will oder nicht will usw. Es sind die geistigen Vorgänge und die Gefühle im Inneren ihres Inhabers, die er so empfindet, dass er sich selbst neben seinem Körper auch den Besitz von etwas anderem, nämlich einer Seele, zuschreibt, weil er nicht in der Lage ist, die genannten geistigen Vorgänge und Gefühle ohne die Benutzung von Begriffen wie "denken", "sich freuen" oder "traurig sein" zu beschreiben. Dem Betrachter in der Außenwelt hingegen erscheinen alle Lebensäußerungen eines Menschen so, dass er, der Betrachter, sie stets auch ohne die Annahme beschreiben kann, dass der betrachtete Mensch eine Seele besitze. Man braucht zum Beispiel bei einem Menschen, der von sich sagt, er habe Angst, nicht anzunehmen, dass er, weil er das sage, eine Seele habe; sondern man kann sein Verhalten auch genauso gut beschreiben, indem man sagt, er verziehe sein Gesicht und nehme eine Fluchthaltung ein und stoße dabei den Laut aus, "ich habe Angst". So etwas tut zum Beispiel ein Schauspieler auf der Bühne, ohne dass er in sich die geringste Angst verspürt. Was also sind Gefühle wie Angst, Freude, Traurigkeit u.ä., die uns dazu veranlassen, neben dem Seinsbereich Körper auch einen davon verschiedenen Seinsbereich Seele anzunehmen, um uns anschließend über das Problem den Kopf zu zerbrechen, ob diese beiden Seinsbereiche auch wechselwirken und ob es so etwas wie Psychosomatik gibt? (→ Lexikon). Durch diese Frage soll die Existenz der Seele weder unterstellt noch bestritten werden. Sie soll nur als ein Hinweis darauf dienen, dass die Dinge nicht so einfach sind, wie der Alltagsverstand es annimmt. Bei dem oben angeschnittenen Thema, das bis heute ungelöst ist, handelt es sich um das sogenannte Leib-Seele-Problem (→ Lexikon). Wir lösen es hier auf folgende Weise, damit wir zu unserem Konzept der basischen Ernährung schreiten können.

Menschen und höhere Tiere sind mit unterschiedlicher Begabung zur Selbstwahrnehmung, Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis fähig. Die Grundvoraussetzung dafür wird bereitgestellt durch die Repräsentation ihres Körpers in einem 'erkennenden' Körperteil, meistens in einem Nervensystem und Gehirn. Zum Beispiel wird der menschliche Körper in bestimmten Teilen des Gehirns, und zwar im Schläfenlappen der Großhirnrinde, relativ genau repräsentiert, indem Nervenbahnen die meisten Körperteile mit diesen Hirngebieten verbinden. Auf diese Weise entsteht ein sensorisches ("die Sinne betreffendes") Körperschema im Gehirn für die Sensibilität und Sinnesreize in der Haut, in den Muskeln, Gelenken, Eingeweiden usw. Was in diesen Körperteilen geschieht, sei es eine Berührung, ein Schmerzreiz oder eine eigene Bewegung, teilt sich durch Reizung der dort befindlichen Sinneszellen und durch deren fortgeleitete Nervenimpulse dem sensorischen Körperschema mit. Eine Selbstwahrnehmung des Menschen wäre ohne diese Selbstrepräsentation des Körpers im Gehirn unmöglich und inexistent. Es ist diese unsprachliche Selbstrepräsentation, die ihm zunächst eine vorsprachliche Eigenwahrnehmung, dann darauf aufbauend Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis, und letztlich ein Selbstbewußtsein und das Seelische ermöglicht.

Somit ist das Seelische die subjektiv, das heißt durch den Organismus selbst, erlebte Innenansicht des Organismus. Es ist uns daher nur bei nach innen gerichteter Aufmerksamkeit in der Introspektion zugänglich. Diesen Sachverhalt kann man sich so vorstellen, dass seine Repräsentation im sensorischen Körperschema den Organismus zu einer Selbstwahrnehmung befähigt, die durch eine zweite Wahrnehmung ("Metawahrnehmung") durch andere Stellen des Gehirns ein gespiegeltes Selbstbild des Organismus und seiner Geschichte erzeugt ("das Seelische"). So werden das Seelische und der Organismus zwar nicht identisch, aber das Seelische entpuppt sich als eine Komponente des Organismus in seiner gegenwärtigen und historischen Gesamtheit. Natürlich kann diese Komponente des autonomen Kausalsystems Organismus auch seine anderen Komponenten (wie: Herz, Magen, Lungen, etc.) kausal beeinflussen, und umgekehrt, davon kausal beeinflusst werden, weil sie ohnehin durch sie erzeugt wird. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man diese Wechselwirkungen als Psychosomatik verstehen will. Aber eine solche Psychosomatik ist letztlich etwas Organismisches und hat mit der "Seele" im mystifizierenden Sinne des Alltagsverstands nichts zu tun. Ausführliches zu dieser Theorie der Seele siehe in meinem Buch: Handbook of Analytic Philosophy of Medicine.

© 2017 - Prof. Dr. med. Kazem Sadegh-Zadeh, Tecklenburg